Redaktion  || < älter 2015/1508 jünger > >>|  

„Bauen und Wohnen in Gemeinschaft“ -  Buch zur DAM-Ausstellung

(14.9.2015) Derzeit erleben gerade Innenstädte einen enor­men Nachfragezuwachs - auch für gemischtes und integrier­tes Wohnen. Die gegenwärtigen Immobilienmärkte können die­se zeitgenössische Lebensformen und Bedürfnisse jedoch oft nicht bedienen. Die Kommunen sehen sich daher zunehmend mit einem direkten Beteiligungsanspruch ihrer Bürger beim Wohnungsbau konfrontiert. Diese treten dabei als Initiatoren, Investoren und Entscheidungsträger auf. Meist in Form von Eigentums- oder Genossenschaftsanteilen wird neuer Wohn­raum geschaffen und auch selbst verwaltet. Die Idee des ge­meinschaftlichen Bauens und Wohnens setzt dabei neue und hohe Maßstäbe – für die Lebensqualität ebenso wie für die Architektur und ein neues Verständnis von Urbanität und Besitz.

  • Wie und warum bauen und wohnen immer mehr Menschen in Gemeinschaft?
  • Welche Ausprägungen dieses Phänomens existieren und was können Architektur und Baukultur in diesem Zusammenhang leisten?

Fragen wie diesen geht eine neues Buch nach, das für die DAM-Ausstellung „Daheim. Bauen und Wohnen in Gemeinschaft“ entstanden ist: Es zeigt 26 in Deutschland und überwiegend im europäischen Ausland realisierte Bauten, die als Baugruppenprojekte, von Genossenschaften oder Wohnungsbaugesellschaften errichtet wurden und das breite Spektrum gemeinschaftlichen Wohnens in seinen individuellen Facetten be­leuchten.


Wohn- und Integrationsprojekt VinziRast, Wien - Graupenraub+/- Architekten mit Studierenden der TU Wien - Foto: Kurt Kuball (Bild vergrößern)

Klassische und moderne Lebensmodelle verbinden

Alle vorgestellte Projekte reagieren mit unterschiedlichen Konzepten auf veränderte Lebensentwürfe und vielfältige Standorte. Mit Hilfe von modernen Planungskonzepten und Bauprozessen werden Lösungen entwickelt, die unmittelbar auf die Wünsche und Anforderungen der Bewohner ausgerichtet sind. Dabei steht die Idee im Zentrum, in individuellen Wohnungen und zugleich gemeinschaftlich unter einem Dach zu leben, Nachbarschaft und Freundschaft zu pflegen sowie Raum und soziale Verantwortung zu teilen - Beispiele:

In vertiefenden Essays werden Hintergrundinformationen zum gemeinschaftlichen Bau­en und Wohnen gegeben: vom volkswirtschaftlichen Nutzen dieser Wohnformen über Fragen der Grundstücksvergabe bis hin zu sozialen Anliegen und rechtlichem Rege­lungsbedarf.

Künstlerhaus, Yokohama
Künstlerhaus in Yokoha­ma von ON Design Partners - Foto: Koichi Torimura (Bild vergrößern)
 

DAM-Kuratorin Annette Becker zur Reflektion der „sozia­len Verantwortung“ in den ausgewählten Projekten: „Aktuell verursachen insbesondere die veränderten Familien­strukturen einen Wohnwandel. Wir beobachten eine enorme Individualisierung der Lebensformen; die traditionelle genera­tionenübergreifende Familie vor Ort besteht immer seltener. Parallel dazu kommt es zu einer Rückbesinnung auf die Werte ,Gesellschaft‘ und „sich umeinander kümmern‘, ,Nachbarschaft‘ und ,Freundschaft‘ als soziale Netze. Und Wohnmodelle ,in ge­trennten Wohnungen‘ aber ,unter einem Dach‘ erscheinen at­traktiv. Der Einzelne traut sich immer öfter zu, aktiv auf die eigene Lebenssituation einwirken zu können. In der Ausstel­lung gilt Elementen wie geteilten Räumlichkeiten, halböffent­lichen Freiräumen oder Gemeinschaftsgärten unser besonde­res Augenmerk. Solche Orte können das soziale Zusammen­leben befördern, können integrieren und in Stadtquartiere hi­neinwirken. Das ist nicht zuletzt im Hinblick auf den demogra­phischen Wandel erstrebenswert.“

  • DAM-Ausstellung: Daheim – Bauen und Wohnen in Gemeinschaft
  • Laufzeit: 12. September 2015 bis 28. Februar 2016
  • Ort: DAM Deutsches Architekturmuseum
    Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt/Main (siehe Google-Maps, Bing-Maps, HERE)

Mitherausgeberin Kristien Ring zum erweiterten Berufsverständnis des Architekten und dem Gestaltungspotenzial, das im Planen mit Baugemeinschaften steckt: „Die Arbeit mit Baugruppen und Kooperativen erfordert ganz neue Arbeitsprozesse und architektonische Ziele. Manche Büros haben strenge Ablaufpläne zur Entscheidungsfindung entwickelt, um die Projekte koordinierbar zu hal­ten und die Hoheit über die architektonische Gestaltung zu behalten. Andere Büros le­gen besonderen Wert auf einen offenen Diskussions- und Entscheidungsprozess beim Entwurf des Gebäudes, an dem jeder teilhaben soll. In allen Fällen schaffen Architek­ten jedoch mehr als reine Spekulationsobjekte zur Geldanlage: nämlich ein Zuhause und ein Netzwerk gemeinschaftlich genutzter, spezifischer Räume. Sie schaffen - teils hochkomplexe - Gemeinschaften. Sie sind also wieder mehr als nur Dienstleister, näm­lich echte Architekten. Baugruppen und Kooperativen sind häufig sehr aufgeschlossen neuen Ideen gegenüber und investieren auch in neuartige, nachhaltige Konstruktions­arten. Sie zeichnen sich durch eine hohe Bereitschaft aus, alternative Wege zu be­schreiten. In dieser Experimentierfreude und sozialen Interaktionsfähigkeit liegt der Schlüssel zu einer belastbaren, relisienten Zukunftsgestaltung; sie ist ein großer Ge­winn für Architektur und Baukultur.“

Die bibliographischen Angaben zum Buch:

  • Bauen und Wohnen in Gemeinschaft / Building and Living in Communities
  • Ideen, Prozesse, Architektur / Ideas, Processes, Architecture
  • Hrsg. / Edts.: Annette Becker, Laura Kienbaum, Kristien Ring, Peter Cachola Schmal
  • mit Beiträgen von Tobias Behrens, Claudia Haas, Lotte Herwig, Falk Jaeger, Birgit Kasper, Reiner Nagel, Henning Scherf, Andrea Töllner, Pater Westerheide
  • 2015, 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen
  • Sprache: Deutsch / Englisch
  • ISBN: 978-3-0356-05648
  • erhältlich u.a. bei Weltbild und Amazon

siehe auch für zusätzliche Informationen: