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Handlungsempfehlungen zur Sicherung von Lebensqualität in Schrumpfungsregionen

(27.10.2013; Download-Links zuletzt am 26.5.2016 korrigiert.) Die Jungen ziehen der Arbeit hinterher, die Alten bleiben zurück, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Schulen wurden geschlossen, Läden machten dicht und die Gemeinde verwal­tet nur mehr den Mangel - so kann regionale Schrumpfung aussehen, und so ist sie vielerorts längst Realität. Doch le­ben in diesen Räumen weiterhin Menschen, die dort verwur­zelt sind und sich ein „gutes“ Leben wünschen, genauso wie die aus anderen Regionen auch. Ein Expertenteam unter der Leitung von Sozialwissenschaftlern des Thünen-Instituts für Ländliche Räume hat nun Strategien entwickelt, wie sich re­gionale Schrumpfungsprozesse so gestalten lassen, dass die dort lebenden Menschen nicht von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden.

Längst ist Schrumpfung kein rein ostdeutsches Phänomen mehr: In immer mehr Re­gionen Deutschlands sind Einwohnerzahlen, Beschäftigung oder Kommunaleinnahmen rückläufig. „Von 1999 bis 2009 ist die Einwohnerzahl in mehr als der Hälfte der deut­schen Kreise zurückgegangen, ebenso das Arbeitsvolumen. Schrumpfung ist nicht mehr die Ausnahme, sondern - wie Wachstum in anderen Regionen - ein Normalfall der Regionalentwicklung“, so Dr. Patrick Küpper vom Braunschweiger Thünen-Institut, einer der Autoren der Studie. Es gebe zwar vielfältige Initiativen und Projekte, um mit diesem politisch unbequemen Thema umzugehen. Doch träfen solche Versuche schnell auf zahlreiche Hürden. Dazu zählen laut Küpper unflexible rechtliche Regelungen und Planungsinstrumente, die zwar Wachstum steuern, nicht aber das Weniger organisie­ren können. Entsprechendes gilt für Förderprogramme, die Anreize zu Wachstum und Ausbau setzen, dabei aber kaum den Anforderungen von Schrumpfungsprozessen ge­recht werden.


Im BMELV stellte eine Expertengruppe die Handlungsempfehlungen vor. Es diskutieren (v.l.n.r.): Dr. Ulrich Neubauer (BMELV) und die Thünen-Wissenschaftler Prof. Dr. Peter Weingarten, Dr. Patrick Küpper und Dr. Annett Steinführer (© Thünen-Institut) (Bild vergrößern)

Am 22. Oktober 2013 stellten die Wissenschaftler im Bundeslandwirtschaftsministeri­um die Handlungsempfehlungen vor, die sie in drei Workshops mit rund 40 Experten aus Wissenschaft, Ministerien und regionaler Praxis erarbeitet haben. Sie empfehlen zum Beispiel, die Siedlungs- und Infrastruktur an die bestehenden Verhältnisse anzu­passen:

  • Dazu sollten Kommunen einer Region gemeinsam Siedlungskerne festlegen, die es zu stabilisieren gilt.
  • Parallel sollten in anderen Gebieten der Abriss ungenutzter Gebäude und die Anpassung von Infrastrukturen gefördert werden.
  • Außerdem sollten Landräte und Bürgermeister regionale Kooperationen und Beteiligungsprozesse anstoßen. Dabei sind die Bürger an Zukunftsdialogen zu beteiligen.
  • Dorfmanager sollten als „Kümmerer“ und Ideengeber das Engagement der Bürger für den eigenen Ort mobilisieren.
  • Um die Gestaltungsspielräume für die regionalen Akteure zu erweitern, können aus den zahlreich vorhandenen Fördertöpfen Regionaletats gespeist und gezielt in stark schrumpfenden Regionen eingesetzt werden.
  • Außerdem sollten Bund und Länder vorhandene rechtliche Regelungen, die innovativen Lösungen im Wege stehen, für diese Räume lockern. Damit richten sich die Empfehlungen der Experten an unterschiedliche Adressaten in Bund, Ländern und Kommunen.

Ihre Empfehlungen haben die Autoren vom Thünen-Institut und der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Oktober 2013 in einer Studie veröffentlicht. Dort führen sie aus, dass weder eine geförderte großräumige Absiedlung noch ein Sich-selbst-Überlassen der Schrumpfungsregionen sinnvolle Optionen darstellen. Vielmehr befürworten die Experten, regionale Schrumpfungsprozesse aktiv zu gestalten.


Beispiel für unterschiedliche Entwicklungen auf engstem Raum: Dorfstraße mit altem und frisch renoviertem Haus (© Thünen-Institut) (Bild vergrößern)

Mitautorin Dr. Annett Steinführer vom Thünen-Institut wünscht sich, „dass Schrump­fung nicht mehr als Tabuthema wahrgenommen wird. Ihre Gestaltung sollte so selbst­verständlich werden wie der Umgang mit Wachstum“. Dafür sind langer Atem und eine positive Vision für die betroffenen Räume notwendig. Dann ist auch Resignation fehl am Platz, denn in einem der reichsten Länder der Erde muss und kann es möglich sein, gesellschaftliche Teilhabe trotz Schrumpfung zu gewährleisten.

Die Studie „Regionale Schrumpfung gestalten“ von Patrick Küpper, Annett Steinführer, Steffen Ortwein und Moritz Kirchesch ist online abrufbar unter ti.bund.de > Fachinstitute > Ländliche Räume > Publikationen (direkter PDF-Download). Die Druckversion der Broschüre kann kostenfrei per E-Mail an Thünen-Institut angefordert werden.

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