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Innovation versus Imitation - Plagiarius-Verleihung 2009

  • Massenphänomen Plagiat: Zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und Gefahr für Wirtschaft und Verbraucher

Plagiat, Produktpiraterie, Plagiate, Produktnachahmung, Plagiatoren, Plagiarius(15.2.2009) Der "Plagiarius" wurde am 13. Februar 2009 auf der Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" bereits zum 33. Mal verliehen. Mit dem gefürchteten Negativpreis werden jährlich Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen ausgezeichnet und im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz bekannt gegeben. Trophäe ist der schwarze Zwerg mit der goldenen Nase - als Symbol für die immensen Gewinne, die die Produktpiraten sprichwörtlich auf Kosten innovativer Unternehmen erwirtschaften. Ziel der Aktion Plagiarius e.V. ist es, die Öffentlichkeit praxisnah über Ausmaß, Schäden und Gefahren von Plagiaten und Fälschungen aufzuklären. Der Verein möchte das Bewusstsein dafür schärfen, dass die skrupellosen Machenschaften der Fälscher enorme Schäden in der Industrie anrichten und Betrug am bzw. Gefahr für Verbraucher darstellen.

Hersteller aus aller Welt investieren in Forschung und Entwicklung, in Design und in Qualitätskontrollen, um innovative, sichere Produkte auf den Markt zu bringen. Sie gehen in Vorleistung und sind auf einen entsprechenden Markterfolg angewiesen, damit sie auch zukünftig in Neuentwicklungen investieren sowie Fortschritt und Arbeitsplätze sichern können. Bedingt durch die Vielzahl an billigen Plagiaten und Fälschungen, die immer schneller auch westliche Märkte überschwemmen, verzeichnet so mancher Markenhersteller drastische, teils Existenz bedrohende Schäden: Von Umsatzrückgängen über die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Marke bis hin zu ungerechtfertigten Produkthaftungsklagen.

Wachstumsbranche Produkt- und Markenpiraterie

Schätzungen offizieller Stellen gehen davon aus, dass Plagiate, Fälschungen und Raubkopien jährlich weltweit einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von mehreren Hundert Milliarden Euro anrichten. Allein für Deutschland wird der jährliche Schaden mit ca. 30 Milliarden Euro beziffert. Hinzu kommt, dass durch Produkt- und Markenpiraterie weltweit mehrere hunderttausend Arbeitsplätze vernichtet werden; besonders betroffen sind die führenden Industrienationen. Für das rasante Wachstum in den letzten Jahren sind u.a. Globalisierung, modernste Technik und anonyme Vertriebskanäle wie das Internet mitverantwortlich. Auch so genannte Freizonen entpuppen sich als blühende Umschlagplätze für nachgemachte Waren.

Diese Form der Wirtschaftskriminalität als "Kavaliersdelikt" abzustempeln wäre fatal. Denn was einst als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich mittlerweile zu einer hoch professionellen Industrie mit einem grenzübergreifenden Netzwerk aus Herstellung, Logistik und Vertrieb entwickelt. Die exorbitant hohen Profite, ähnlich denen aus dem Drogenhandel, streichen die Drahtzieher dieser Schattenwirtschaft ein.


Original (links) und Plagiat (rechts): Elektronischer Händetrockner HTE von Stiebel Eltron (Bild vergrößern)

Allein an den EU-Außengrenzen haben Zollbeamte in 2007 mehr als 78 Mio. gefälschte Produkte beschlagnahmt - knapp 60% dieser Nachahmungen hatten ihren Ursprung in China. Hergestellt werden die meist minderwertigen Waren oftmals unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Bezug auf Arbeitszeiten, Sicherheit und Hygiene - ganz abgesehen von Kinderarbeit. Qualitätskontrollen sowie der Schutz der Fabrikarbeiter vor gefährlichen Maschinen und gesundheitsschädigenden Substanzen sind profitmindernd und somit nicht im Interesse der Drahtzieher. Aber China hier als den alleinigen Buhmann hinzustellen wäre falsch. Ebenfalls zu den so genannten Fälscherhochburgen zählen u.a. viele südostasiatischen Staaten sowie Osteuropa und Lateinamerika. Auch hier werden aufgrund (noch) geringer Lohnkosten massenweise Plagiate hergestellt - und der Vertrieb läuft nicht selten über europäische Händler.

Handel und Verbraucher mitverantwortlich für Produkt- und Markenpiraterie

Angesichts steigender Nachfrage nach billigen Kopien von Markenprodukten profitieren nicht nur die Hersteller von deren Verkauf, sondern auch Zwischenhändler und Endverkäufer. Aber nicht zuletzt auch die Konsumenten selbst sorgen dafür, dass der Absatz von Fälschungen weiter steigt.

Nach einer im September 2008 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young mit Unterstützung des Markenverbandes erstellten Studie greifen insbesondere junge Menschen bewusst zum Plagiat - trotz des Bewusstseins über die teils miserablen Herstellungsbedingungen und die Risiken und Gefahren, die mit dem Kauf von Plagiaten verbunden sind. Der vermeintlich günstige Preis sei für viele ausschlaggebend und verführe zum Kauf. Statussymbole würden anscheinend immer wichtiger und da - wie die Studie erschreckenderweise zeigt - mit dem Besitz von gefälschten Produkten auch kein Imageverlust bei Freunden und Familie einhergehe, würden diese fleißig nachgefragt. Die Studie bestätigt: Plagiate sind in Europa gesellschaftsfähig! Anscheinend ist den meisten Verbrauchern der mit Plagiaten verbundene geistige Diebstahl zu abstrakt, als dass sie sich als Mittäter fühlten. Und sie sehen angesichts des fast gleichen Aussehens häufig auch nicht ein, weshalb sie für das Original einen oft zehnmal höheren Preis zahlen sollen. Hier müssen die Unternehmen selbst, aber auch Verbände und Politik offensichtlich verstärkt Aufklärungsarbeit leisten und nicht nur auf die Gefahren der meist minderwertigen Plagiate hinweisen, sondern auch darauf, dass es sich für Unternehmen nur dann lohnt, immer wieder innovative, wertvolle Produkte zu entwickeln, wenn diese dann auch mit der entsprechenden Nachfrage honoriert werden.


Original (links) und Plagiate (rechts): Türbeschlag Monte Carlo von Hoppe (Bild vergrößern)

Mehr Information und verschärftes Vorgehen des Gesetzgebers und der Rechtsprechung gegen die Produktion, aber auch den Vertrieb von Kopien können die Entwicklung vielleicht aufhalten, dass in westlichen Regalen immer mehr Plagiate angeboten werden. Seltener fallen diese zwischenzeitlich auf den großen Messen auf, nachdem dort häufiger Kontrollen durch den Zoll durchgeführt werden. Ein ebenfalls geeignetes Bekämpfungsmittel ist auch die Veröffentlichung von Verstößen, da die Unternehmen, auch wenn es sich um Fälscher handelt, in der Regel sehr um ihren Ruf besorgt sind.

Auch von den meisten der jetzt mit Plagiarius-Preisen "Geehrten" gab es als Konsequenz Entschuldigungen und teilweise auch schon Unterlassungserklärungen. Die Beteuerungen, wie beispielsweise die des "ausgezeichneten" Vertreibers einer Kopie des Türbeschlags "Monte Carlo" der Hoppe Holding AG, ihm sei die Fälschung seines für 13 Euro (Original 149 Euro) verkauften Produkts nicht bewusst gewesen, wirken allerdings nicht gerade überzeugend. Aber, dass das Plagiat vom Markt genommen wurde, kann die Aktion Plagiarius e.V. durchaus als Erfolg verbuchen.

Die Preisträger 2009

Die Jury vergab 2009 - auch nach dem Grad der Empörung, die die Nachahmungen bei ihr auslösten - neben 3 Preisen 5 gleichrangige Auszeichnungen und 2 Sonderpreise. Die Preise erhielten:

  1. Elektronischer Händetrockner "HTE" (Bild oben)
    Original: Stiebel Eltron GmbH & Co. KG Holzminden
    Plagiat: Vertrieb: isimax GmbH, Hess. Oldendorf
     
  2. Kniebandage "GenuTrain" (Bild)
    Original: Bauerfeind AG, Zeulenroda-Triebes
    Plagiat: Deltai Medical & Health Articles (Suzhou) & Co., Ltd., Jiansu, VR China
     
  3. Trolley "Carrycruiser" (Bild rechts, hier auch mit Plagiat)
    Original: Reisenthel Accessoires, Gilching
    Plagiat: Ningbo Future Import and Export Co., Ltd., Zhejiang, VR China
    Vertrieb: Thuy Tien-Ta, Büsum

Bilder sagen mehr als 1000 Worte

Eröffnet am 1. April 2007, zeigt das Museum Plagiarius mittlerweile mehr als 300 Originale und Plagiate aus unterschiedlichsten Branchen im direkten Vergleich - jedes Jahr kommen die aktuellen Preisträger hinzu. Mitte Januar 2009 begrüßte der Initiator des "Plagiarius", Prof. Rido Busse, den 20.000 Besucher und freute sich über das große Interesse am Museum, das Menschen aller Alters- und Berufsklassen gleichermaßen anlockt:


Bild aus dem Beitrag "Einzigartige Mondrian-Fassade unter vielen Fälschungen" vom 10.8.2007

Im 1. Stock des Museums werden vom Zoll beschlagnahmte Fälschungen präsentiert, von Sportartikeln, Taschen, Parfums und T-shirts über Rucksäcke und Zahnbürsten bis hin zu Tabletten. Eine wichtige Zielgruppe, die vermehrt angesprochen wird, sind Schüler und Studenten. Die Mitarbeiter des Museums vermitteln in Führungen wichtige Hintergrundinformationen. Und wer das Plagiat einmal direkt neben dem Original gesehen hat, der erkennt auch, wie plump und peinlich diese Plagiate manchmal sind.

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