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Mailand 2005 - Die neue Lust auf Ornamente

  • Trendeindrücke der Mailänder Möbelmesse mitgebracht von Udo Tünte, Leiter Produktentwicklung bei Parador.

(9.5.2005) Als der Architekt und Theoretiker Adolf Loos 1910 vom Ornament als Verbrechen an der Kultur sprach, konnte er nicht wissen, dass er einen aussichtslosen Kampf führt. Genau 95 Jahre später zeigt die Mailänder Möbelmesse eine Inflation floraler Motive, die selbst eingefleischte Mailandkenner überrumpelt hat. Es scheint eine neue Lust auf Ornamente ausgebrochen zu sein. Adolf Loos postulierte damals die Ornamentlosigkeit der Architektur und Kunst. Die "Ornament-Seuche" überdecke die klare Form und die reinen Gedanken eines Werkes.

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In diesem Jahr haben sich selbst die Vorbilder italienischen Möbeldesigns, wie z.B. B&B, Cassina, Kartell, Moroso, Ycami, Cappellini und viele mehr eine florale "Auszeit" genommen. Mailand glich einem Blumenmeer. Der Gedanke ist nicht neu, erstaunlich war nur die gezeigte Überdosis. Die Interpretationen waren vielfältig: Verziert wurden Polstermöbel, Kissen, Stühle, Tische, Möbeloberflächen, ganze Wände mit klassischen Lilien und Akanthusblättern, Rosenblüten und feinen japanisch anmutenden Zweigen und Verästelungen. Selbst ein Minicooper wurde durch ein Bisazza-Blütenmosaik geadelt.



Die Interpretationen reichten von traditionell, barock, naturalistisch über Popart und Retromotive der 50-80 er bis hin zu Pixelgrafiken, und das in den Farbreihen magenta-violett, pink-grün, schwarz-weiss, braun-grau, violett-rot, und vielen weiteren Kombinationen, die Kreativität der Designer schien geradezu blumig beflügelt.
Auch florale Reliefstrukturen in schwarzer Lederprägung oder als gestanzte Blüten auf Sofadecken( Moroso) waren zu sehen.

Egal ob nachgeahmt oder künstlerisch konzeptionell aufgearbeitet, das Ergebnis waren Ornamente, die die visuelle Haltbarkeit einer modischen Frühjahrskollektion besitzen.

Darüber hinaus wurden in Italien einige Trends aus den Vorjahren deutlich verstärkt. Dies galt insbesondere für Hochglanz-Oberflächen. Elegante, kubische Sideboards in dünnen Materialstärken und hochglänzendem Klavierlackschwarz, kombiniert mit Chromkanten und verchromten Untergestellen, ließen den Designpuristen wieder aufatmen. Weitere Ausführungen glänzten weiß, schlammfarben, grün, orange oder rot. Poliertes Edelstahl sowie Chromoberflächen verdrängen zunehmend das eloxierte Aluminium E6/EV1.

Einigkeit zeigten die ausstellenden Designer in diesem Jahr auch bei den Holzoberflächen: Das Trendholz 2005 ist Teak. Als schlichtes Streiferfurnier, mit Hochglanzoberflächen kombiniert, entsteht eine dezent, elegante Anmutung, die optisch die Tradition von Nussbaum und Kirsche fortsetzt. In Wohnwänden wird Teak z.B. gerne mit Hochglanz weiß kombiniert.

Auch der Trend zu exotischen Hölzern wie Zebrano, Makassar und Palisander setzt sich weiter fort, wird jedoch schüchterner dosiert. Der Ton Eiche Schoko wurde zwar weniger gezeigt, konnte jedoch seine optische Bedeutung für Jahr 2005 behaupten. Dazu gesellt sich eine weitere Farbvariante der Eiche: anthrazit-braun mit betonter Holzpore.

Exklusive Möbeloberflächen tragen in diesem Jahr gerne Leder, gerne auch Krokolook: Lederbezogene Tische, Regalböden und Bettgestelle waren keine Seltenheit. Bisher bei Fendi zu sehen, jetzt auch bei z.B Molteni oder Ycami. Afrikanisch oder orientalisch anmutendes Kunsthandwerk wurde dezent akzentuiert in modernen Interieurs gezeigt.


Mailand zeigte sich in diesem Jahr sehr farbenfroh. Wer die Blumen gemieden hatte, tauchte seine Messestände und Produkte in die aktuellen Trendfarben oder tat beides. Schon aus den Vorjahren bekannt dominierten grün-gelb Farbreihen, gefolgt von orange-rot, magenta-violett und schwarz-weiss-grau Kombinationen. Oder auch weiß in weiß Interieurs, sowie braun und creme Farbstellungen und gedeckte blau-grau Abstufungen. Typische Farbreihen aus den 70er und 80er Jahren. Zudem konnte man Ansätze zu kühleren Farbtönen wie pastellfarbenes Eisblau, Türkis, Petrol und Zitrone beobachten.

Die Formensprache sorgte für wenig Überraschungen. Nach wie vor stehen sich die beiden Gesinnungslager der kubisch-kantig orientierten Puristen (stets in schwarz gekleidet) und der Londoner Verrundungs-Schule gegenüber. (Stefan Raab Look bis Paul Smith Outfit). So setzt sich der Trend bei Wohnwänden zu horizontal betonten, kubischen Kompositionen fort. Weniger Schrank ist hier mehr. Bei Einzelmöbeln gibt es stark zunehmend das, was ich als "Strangpress"-Optik bezeichne: organische, fließende Profilkonturen, die formal "extrudiert" wurden. Sozusagen die Weiterentwicklung des gebogenen Birkensperrholz-Designs, in Richtung der oben aufgezeigten Farb- und Materialwelten.


Diese Möbel lassen den Betrachter ungewollt spüren, dass sie mit Hilfe von 3D-CAD entwickelt wurden. Gutes Beispiel hierfür ist ein Sofa, präsentiert im Superstudio Piu, bei dem Steppnähte den Verlauf von Konstruktionslinien anzeigen, wie sie auch im Gitternetzmodus eines CAD Programms angezeigt werden.

Die höhere Schule interpretiert ein Möbelstück - sowohl formal als auch produktionstechnisch - als organische Skulptur a la Arp oder formt es colanihaft, aerodynamisch, oder will es "quetschen", wie Dieter Rams diesen Stil bezeichnet. Schöne Beispiele dafür: Cassina: Sitzskulptur von Jean Marie Massaud für Cassina oder das Leuchtenobjekt von Zaha Hadid für Sawaya und Moroni.

Neben diesen Richtungen gibt es eine Tendenz zu kristallinen, prismatischen und trapezförmigen Formgebungen, die von Prof. Peter Zec und Elmar Schüller als "neue Kristallinität" bezeichnet wird. Hier werden formal neue Richtungen für das Möbeldesign aufgezeigt. Man findet neben Interpretationen die konstruktivistisch sind, auch Beispiele, die die Dekonstruktion als Prinzip verfolgen. Dies zeigt ein neuer Entwurf von Zaha Hadid für Sawaja und Moroni: Schwarzer Hochglanz Kunststoff - Stuhl, prismenflächig, dekonstruktiv verformt. Konstantin Gricic und die Bouroullecs Brüder (LignetRoset) zeigen in Ihren jüngeren Entwürfen konstruktivistische Auffassungen.

Darüber hinaus gab es spannende Ansätze "digitalen Designs", die weit über gestanzte oder gelaserte grafische Pixelbilder, etwa wie bei B & B gezeigt, hinausgehen. Beispielsweise wurden im Superstudio Piu Leuchten gezeigt, die im Rapid-Prototyping Verfahren hergestellt worden sind: Eine phantastische, korallenähnliche 3D-Konstruktion, die wie ein eigener Mikrokosmos wirkt. Mit keinem anderen Produktionsverfahren ließe sich ein solches Objekt fertigen. Hier lassen sich die Grenzen des bisher technisch Machbaren sprengen.

Bemerkenswert war in diesem Jahr die Besucherfrequenz. Die Showrooms insbesondere die in der Zona Tortona machten dichten Besucherströmen oftmals das Betrachten schwer. Neben den Klassikern in der Via Durini, mit B & B und Cassina, beeindruckte der Auftritt der Poltrona Frau Gruppe, die sich mit Cappellini, Thonet und Gufram in der Nähe des Hauptbahnhofes in mehreren Industriehallen auf hohem Niveau inszenierte, wobei der Dekorateur von Poltrona- Frau ziemlich übergesprudelt war.

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