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100 Jahre Beratende Ingenieure in Deutschland

(29.9.2003) Am Ort seiner Gründung feierte der Verband Beratender Ingenieure VBI am Freitag in Berlin gemeinsam mit über 600 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sein 100-jähriges Bestehen. Gefeiert wurde nicht nur die Geburtsstunde eines Verbandes, sondern die eines gesamten Berufsstandes, der sich in 100 Jahren zu einem der innovativsten in Deutschland entwickelt hat. Hinter allem, was unser Leben heute angenehm macht, stehen die Leistungen der Ingenieure. Jede Straße und Brücke, jede Strom- und Wasserversorgung, jede Abfall- und Abwasserentsorgung geht auf Planungen von Beratenden Ingenieuren zurück. Alle unsere Arbeits-, Produktions- und Wohnstätten aber auch viele Orte, an denen wir unsere Freizeit verbringen, gäbe es ohne die Ingenieure nicht. Es sind die vielen Details, die unsere Leben heute so problemlos funktionieren lassen – und wie dramatisch empfinden wir es, wenn die Dinge nicht wie gewohnt funktionieren. Wenn sich auch manche technischen Lösungen der Vergangenheit aus heutiger Sicht nicht als optimal erwiesen haben, ist mit dem gesellschaftlichen Problembewusstsein auch das technische Vermögen der Planer stetig mitgewachsen. Beratende Ingenieure entwickeln heute immer neue Möglichkeiten, ressourcenschonend zu bauen, effektiv Energie einzusetzen und zu erzeugen, und gleichzeitig die Lebensverhältnisse noch komfortabler zu gestalten. So ist die Infrastruktur in hundert Jahren mit vielen unscheinbaren kleinen aber auch zahlreichen großen Einzelprojekten stetig gewachsen. Grund genug, die Beratenden Ingenieure und ihren Interessenverband zu feiern.

Über 41.000 freischaffende Beratende Ingenieure und Ingenieurbüros gibt es in Deutschland, etwa jeder zehnte gehört dem Qualitätsverband VBI an. Die Branche beschäftigt rund 200.000 meist hoch qualifizierte Mitarbeiter, die einen Umsatz von etwa 2,1 Mrd. Euro generieren. Als Planer und Berater betreuen sie verantwortlich das bauwirtschaftliche Gesamtvolumen von mehr als 230 Mrd. Euro pro Jahr.

Keimzelle für den Berufsstand und den VBI war 1903 in Berlin die Elektrotechnik. Am Anfang des 20. Jahrhunderts bestand ein enormer Bedarf an unabhängiger Planung und Beratung in diesem prosperierenden Industriezweig. Die Industrie verlangte nach freien Prüfingenieuren, die unabhängig von Hersteller- und Lieferinteressen elektrische Anlagen und Einrichtungen im Sinne ihrer Auftraggeber begutachten konnten. Schnell brachte die rasante industrielle und technische Entwicklung weitere spezialisierte Bereiche hervor, in denen eine unabhängige und qualitativ hochwertige Ingenieurberatung erforderlich war.

Dies betraf den Maschinenbau, zunehmend aber auch den Ingenieurbau und den Hochbau in seinen zahlreichen Facetten. Mit dieser Entwicklung brach das alte Berufsbild des Baumeisters zunehmend in spezialisierte Teilberufe auf. Der VBI öffnete sich daher bereits 1911 für andere Fachrichtungen und die Elektrotechnik verschwand aus dem Namen.

Anfang der 30er Jahre stellten die Bauingenieure die größte Mitgliedergruppe im VBI - Seite an Seite mit Fachleuten aus den unterschiedlichsten Beratungsbereichen in der Infrastrukturentwicklung: Verkehr, Abwasser, Abfall. Diese Vielfalt prägt bis heute den VBI.

Der VBI überstand Wirtschaftskrisen und Weltkriege, die Gleichschaltung in Nazideutschland ebenso wie die Deutsche Teilung. Dabei blieb er stets Rückhalt und Anlaufstation für seine Mitglieder: Wie die Verbandsgeschichte erzählt, bedeutete dies 1945 auch die Zuteilung von Essensmarken und Papier an Ingenieure zu organisieren. 1990 war der VBI erneut mit essentieller Aufbauarbeit gefordert. Vielen Tausend Ingenieuren aus den Neuen Bundesländern half der VBI auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Als Berufs- und Qualitätsverband vertritt der VBI die berufspolitischen und wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder. Die Beratenden Ingenieure legen seit Verbandsgründung Wert darauf, als Ausübende eines Freien Berufes einzig ihrem Auftraggeber und den Interessen des Gemeinwohls verpflichtet zu sein. Vielleicht mutet so viel Unabhängigkeit in einer Welt der Globalisierung und Gewinnmaximierung antiquiert an, bei näherem Hinsehen ist diese Einstellung aber weit mehr als Pathos: Ingenieure wissen, dass bei jedem ihrer Vertragsgespräche nicht nur Auftraggeber und Auftragnehmer, sondern immer auch die Gesellschaft mit ihrem Interesse an einer lebenswerten gebauten und natürlichen Umwelt mit am Tisch sitzt. Ingenieure sind sich dieser hohen Verantwortung bewusst: Sie achten auf Sicherheit, Umweltaspekte, Kosten und ebenso auf Bauqualität und Baukultur.

Der Schritt ins zweite Jahrhundert wird dem VBI und allen Ingenieuren nicht leicht gemacht. Die Baubranche schrumpft seit Jahren und umgekehrt proportional dazu steigt der Investitionsstau ins Unermessliche. Trotz der schwierigen Situation am Bau zeigen die Beratenden Ingenieure Ideenreichtum um zu bestehen - sonst wären Sie keine Ingenieure. Sie erobern neue Märkte und engagieren sich im Ausland. Sie bilden Netzwerke und arbeiten interdisziplinär.

Spätestens seit der Konferenz von Rio de Janeiro 1992 ist deutlich, dass sich die Anforderungen von morgen nur durch den Dreiklang von ökonomischem, ökologischem und sozialem Handeln lösen lassen. Dem Ingenieur kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Denn als technischer Berater steht er an den entscheidenden Schnittstellen. Sein Denken und Handeln muss mit Bezug auf dieses Dreieck immer auf nachhaltige Lösungen gerichtet sein. Mit Spezialisierung allein ist es deshalb heute nicht mehr getan. Beratende Ingenieure arbeiten vermehrt interdisziplinär und schaffen sich mit zusätzlichen Qualifikationen das Rüstzeug für die Märkte von morgen. Aber sie benötigen auch politische Unterstützung durch eine faire mittelstandfreundliche Politik, die den Wert freiberuflicher Leistung erkennt und honoriert.

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