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Rückblick auf Rosenheimer Fenstertage 2016: „50 Jahre Qualität und Sicherheit“


  

(23.10.2016) Institutsleiter Professor Ulrich Sieberath blickte in seinem Vortrag auf viele Entwicklungen der letzten 50 Jahre zurück und konzentrierte sich dann auf die kommenden Aufga­ben des ift Rosenheim und der Branche. Mit den Worten „Wir können in Deutschland alles außer billig“, brachte er die He­rausforderungen der nächsten Jahre auf den Punkt. Dazu zählen ...

  • modulare Lösungen für umnutzbare, energieeffiziente und bezahlbare Wohnbauten genauso wie
  • die digitale Transformation und
  • die praxistaugliche Automatisierung von Fenstern und Türen.

Ein nachhaltiger Mehrwert sei in diesem Umfeld nur durch eine geschlossene „Quali­tätskette“ möglich, die von einer anwendungsorientierten Planung bis zu Service­leistungen in der Nutzungszeit reicht.


Ein Blick ins Plenum (alle Fotos © ift Rosenheim)

Der Blick auf 50 Jahre Fenstertechnik machte deutlich, dass aktuelle Themen durch­aus eine lange Vorgeschichte haben. Fragen der Sicherheit wurden bereits in den heißen RAF-Jahren der 1970er und Verbesserung der Energieeffizienz seit der ersten Wärmeschutzverordnung 1977 diskutiert. Dass ein Blick auf die Erkenntnisse und Feh­ler der letzten 50 Jahre nicht schadet, formulierte ein Fensterbauer mit der Erfahrung: „Es ist erstaunlich, wie oft bekannte Fehler wiederholt werden und wie schmerzfrei und ohne Planung oft gebaut wird“.

Fenster und Fassaden als Energiemanager der Gebäudehülle verstehen

Prof. Ulrich Sieberath zeigte in seinem Vortrag detailliert, wie man den zukünftigen Aufgaben begegnen kann, die durch den demographischen Wandel, Nachfrage nach bezahlbarem Wohnungsbau, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit oder einer Vereinfachung der Bau- und Planungsprozesse entstehen: Wer in Zukunft Erfolg haben wolle, müsse eine unkomplizierte Kombination der Eigenschaften sowie einfache Sys­teme zur Montage, Integration der Elektronik und mit Vorfertigung entwickeln, um Neubau und Umrüstung mit geringem Planungsaufwand zu ermöglichen. Besser als das Beharren auf teilweise veraltete Normen, die oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner böten, würden hierbei moderne Online-Tools helfen, wie ...


Das Publikum wurde mit Umfragen über die ift-Event App direkt in die Vorträge einbezogen (Bild vergrößern)

U-Wert-Olympiade nicht mehr zeitgemäß

Fenster und Fassaden müssen heute als Energiemanager der Gebäudehülle verstanden werden. Deshalb sollte der Fokus wechseln von der U-Wert-Olympiade zur ganzheitli­chen Planung und Verwendung von Glas, Lüftung, Sonnenschutz und Photovoltaik.

Hinzu kommt die Digitalisierung der Daten, die sowohl die autonome Steuerung auto­matischer Systeme als auch die individuelle Regelung durch das Smartphone ermög­lichen. Player wie IBM, RWE oder Bosch haben sich des Trends „Smart Home“ ange­nommen und spätestens seit dem Einstieg von Apple mit der Software „HomeKit“ wird klar, dass Bewegung in den Markt kommt. Wer keine „smarten“ und kompatiblen Pro­dukte anbietet, ist bald draußen.

Politischer Handlungswillen viel zu träge

Prof. Dr. Mojib Latif eröffnete seinen Vortrag zu Klimawandel, Zukunftschancen und Energieeffizienz mit der eindringlichen Warnung, dass das Pariser Klimaabkommen 2015 zu einer Temperaturerhöhung von ca. 3°C führt und deshalb dringend nachzubessern sei sowie mehr politische Konsequenz verlange.

Ein trauriger Beweis des trägen politischen Handlungswillens ist der Rückblick auf den schwedischen Nobelpreisträger Svante Arrhenius, der bereits 1896 den Zusammen­hang von CO₂-Emissionen und Temperaturanstieg erkannt und berechnet hatte. Mes­sungen an Bohrkernen zeigen, dass wir mit über 400 ppm CO₂-Gehalt der Luft, den höchsten Wert seit 800.000 Jahren haben. Deshalb besteht nun durchaus die Gefahr, dass „Tipping-Points“, wie das beginnende Abschmelzen des Grönlandeises, zu einem Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter und damit zu Klima- und Umweltkatastro­phen führen, die der Mensch nicht mehr in den Griff bekommt.

energetischer Imperativ

Latif erinnerte zur Lösung der aktuellen Probleme an den energetischen Imperativ, der schon 1912 vom Chemiker Wilhelm Ostwald postuliert wurde und der besagt, dass jede Bewegung auf der Erde von der Sonne angetrieben wird. Deshalb plädierte Latif für eine „Massenbewegung“ zur dezentralen Energieversorgung. Die Sonne liefert flächendeckend genügend Energie für uns alle und Geld ist auch da: Allein Deutsch­land gibt jedes Jahr über 100 Mrd. Euro für Energieimporte aus. Die Verfügbar­keit geeigneter Technologien wie Photovoltaik, Windenergie oder moderne Fenster und Fassaden bietet Anlass zur Hoffnung, den Klimawandel in letzter Sekunde zu stoppen, sofern die nationale und internationale Politik konkrete Maßnahmen beschließt und de­ren Umsetzung fördert.

Viele weitere Vorträge widmeten sich den unterschiedlichen Facetten dieser Heraus­forderung und zeigten Lösungen und Details, wie auch Bauherren, Investoren Hand­werker und Fensterbauer von einer dezentralen Energieversorgung und nachhaltigen Entwicklung profitieren. Hierzu zählen die Vorträge ...

  • „Thermografie - Qualitätssicherung von Wärmestandards bei Fenstern und Fas­saden“ von Benjamin Standecker,
  • „Meilenstein EnEV 2016 - Was kommt danach?“ von André Hempel,
  • „Die nächste Generation von Gebäuden: gesund - flexibel - circular - werthaltig“ von Dr. Peter Mösle,
  • „Bewertung des Tauwasserverhaltens bei Verbund- und Kastenfenstern“ von Manuel Demel,
  • „Druckentspannung von Mehrscheiben-Isolierglas (DEMIG)“ von Dr. Ansgar Rose,
  • „Nachhaltigkeit – Zertifizierte Produktkette in der Holzwirtschaft“ von Florian Stich sowie
  • „Mobile Messung von Ug-Werten“ von Alexander Frenzl und Konrad Huber.

Der Freitag stand im Zeichen von Recht, Marktzahlen, digitalen Chancen und Risiken sowie Tipps aus der ift-Praxis. Die Vorträge zu den Änderungen des Baurechts von Dr. Gerhard Scheuermann und Dr. Bernhard Schneider waren keine leichte Kost, so dass die Teilnehmer erleichtert das Angebot von Prof. Sieberath annahmen, der eine aus­führliche „Übersetzung“ mit Praxistipps für die Fenster- und Fassadenbranche ver­sprach.

3D-Druck erreicht Fensterbranche

Mit der Technik der 3D-Drucker steht eine weitere Technologie vor der Tür, mit der sich nicht nur Produkte, sondern auch Prozesse und Geschäftsmodelle ändern werden. Mit dem Fused Deposition Modeling (FDM) und dem Selective Laser Sintering (SLS) stellte Nikolas Zimmermann zwei Verfahren vor, die auch für Produkte der Fenster- und Fassadenbranche geeignet sind. Damit können die Individualisierung und kom­plexe Geometrien erheblich einfacher realisiert werden - und das mit hoher Material­effizienz im Vergleich zur spanenden Herstellung. Zu beachten sind allerdings auch Aspekte wie ...

  • die Reproduzierbarkeit (thermischer Verzug),
  • Prozesse (Fertigung auf Baustelle),
  • Schutz von Daten und intellektuellem Eigentum sowie
  • die Anpassung der Geschäftsmodelle.

Dass Investitionen in Energieeffizienz nicht mehr Geld kosten müssen, zeigte Dr. An­dreas Hermelink sehr eindrücklich anhand einer Analyse der Baukosten der letzten 30 Jahre. Hans Dieter Hegner erläuterte am Beispiel der 1.013 Fenster im neuen alten Berliner Stadtschloss, wie man mit moderner Fenstertechnik alte Fenster und Fassa­den nachbildet und dabei höchste Anforderungen an Design, Energieeffizienz und Si­cherheit erfüllt.


  

Tagungsband für interessierte Schwänzer

Wer nicht an den Rosenheimer Fenstertage 2016 teilnehmen konnte, findet Publikationen und Präsentationsfolien zu den 29 Vorträgen im Tagungsband, der für 39,00 Euro zzgl. MwSt. im ift-Literaturshop > Tagungsunterlagen erhältlich ist.

siehe auch für zusätzliche Informationen: