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„atmende Wände“ und die Geschichte dahinter

(6.7.2016) Zu den unausrottbaren Legenden rund um die Themen Bauphysik und Raum­klima zählen Wände, die „atmen“ könnten und gar müssten. Nur so könnten Schimmelgefahren gebannt und eine gesundheitsfördernde Luftqualität sicherge­stellt werden.

Geboren wurde die Idee von der atmenden Wand während eines Experiments in den 1850er-Jahren: Damals stellte der renommierte Chemiker Max von Pettenkofer (siehe auch Wikipedia) fest, dass er mit Hilfe eines aufgesetzten und abgedichteten Trichters durch einen Ziegelstein hindurch eine Kerze ausblasen konnte. Daraus zog er den Schluss, dass poröse Wandbaustoffe einen Luftaustausch zwischen Innenräu­men und Umwelt gestatten würden und dadurch zur Reinigung der Raumluft beitragen könnten.

Was von Pettenkofer aber übersah: Beim Ausblasen der Kerze erzeugte er auf einer Seite des Ziegelsteins einen erheblichen Überdruck, der tatsächlich Luft durch das Gefüge des Ziegels pressen konnte. Unter normalen Umständen gibt es solche Druck­unterschiede an der Außenhülle eines Hauses aber nicht. Selbst die Windlast starker Stürme kann keine Luft durch eine intakte Außenwand befördern - im Gegenteil: Ge­mauerte und verputzte Wände sind ebenso luftdicht wie Beton oder fachgerecht aus­geführte Fertigbauwände.

Daraus folgt dann auch, dass eine Dämmung - ganz unerheblich, ob außen oder innen angebracht – den Luftaustausch nicht behindern kann: Wo kein Austausch stattfin­det, kann er nicht reduziert werden, und selbst eine im Zuge der Dämmmaßnahme an­gebrachte luftdichte Schicht kann und wird die Luftwechselrate eines Raums nicht be­einflussen.

Luftaustausch muss trotzdem sein

Gleichwohl müssen Innenräumen trotzdem be- und entlüftet werden - je dichter das Gebäude desto konsequenter. Zum einen muss verbrauchte Atemluft durch sauer­stoffreiche Luft ersetzt werden, zum anderen muss die in der Raumluft angereicherte Feuchtigkeit abgeführt werden. Das geschieht aber nicht durch geheimnisvolle physi­kalische Vorgänge in der Wand, sondern durch einen gewollten und kontrollierten Luft­austausch - entweder durch regelmäßiges kurzzeitiges Öffnen der Fenster oder durch eine zentrale bzw. dezentrale Lüftungsanlage.

Die kontrollierte Lüftung ermöglicht einerseits eine hohe Luftqualität, andererseits sorgt die Dämmung für warme Wände, auf denen keine Feuchtigkeit kondensieren und einen Nährboden für Schimmel bilden kann. Im Zusammenspiel der beiden Faktoren entsteht ein angenehmes, gesundes Raumklima. Eine ungedämmte Wand wäre hinge­gen kalt und damit ungemütlich; außerdem würde sie zu erheblichen Energieverlusten und zur permanent drohenden Schimmelgefahr führen.

Wie steht’s mit der Wasserdampf-Diffusion?

Auch der Abtransport von Feuchtigkeit durch Wände hindurch wird zuweilen als At­mung bezeichnet. Er findet - abhängig vom Material - tatsächlich statt, spielt aber bei weitem nicht die Rolle für den Feuchtehaushalt eines Raums: Die Diffusion, also das allmähliche Hindurchdringen von Wasserdampf durch Wandbaustoffe, kann ledig­lich bis zu 2% Prozent der Feuchteabfuhr leisten, 98% werden beim Lüften aus dem Raum transportiert. Und in der Praxis spielen noch nicht einmal die 2% eine Rolle. Viel wichtiger ist hier, dass etwa Gips-, Kalk- oder Lehmputze Feuchtigkeit kristallin binden und bei Bedarf an zu trockene Raumluft wieder abgeben können.

Die Diffusionsoffenheit der verwendeten Baustoffe ist bei Planung und Bau einer Au­ßenwand durchaus wichtig. Doch auch hier kann etwa eine Mineralwolle-Dämmung keinen Störfaktor darstellen: Mineralwolle ist außerordentlich diffusionsoffen und be­hindert den Feuchtetransport, z.B. aus einer nachträglich gedämmten Außenwand, nicht.

Fazit: Eine fachgerecht eingebaute, diffusionsoffene Dämmung fördert ein behagli­ches, gesundes Raumklima. Sie behindert weder den Luftaustausch noch schafft sie Probleme beim Feuchtehaushalt eines Gebäudes. Ganz anders die „atmende Wand“: Gäbe es sie tatsächlich, wäre das ein Anlass zu ernsthaften Sorgen über Luftqualität, Schimmel und Energieverschwendung.

siehe auch für zusätzliche Informationen: