Redaktion  || < älter 2016/0927 jünger > >>|   

Bericht „Urban sprawl in Europe“: Die Zersiedelung in Europa nimmt weiter zu


Die Agglomeration Zürich ist stark zersiedelt, und setzt seit einigen Jahren aber auf räumliche Verdichtung. (© Reinhard Lässig/WSL; Bild vergrößern)
  

(3.7.2016) Erstmals analysiert ein Bericht für 32 Länder in Europa die Zersiedelung der Land­schaft, die in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Ein internationales Team unter der Leitung von Prof. Felix Kienast von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL zeigt in dieser Studie „Urban sprawl in Europe“, ...

  • welche Risiken die Zersiedelung für Umwelt und Gesellschaft birgt und
  • wie sich eine Zersiedelung begrenzen lässt.

Der Bericht beurteilt für den Zeitraum 2006 bis 2009 mit Hilfe einer Indikator-Methode den Grad der Zersiedelung und ihrer wichtigsten Ursachen in allen Ländern der EU und der EFTA. Die von WSL-Wissenschaftlern entwickelte Methode ist heute der Standardindikator der Landschafts­beobachtung Schweiz (LABES). Das Team be­urteilte Variablen wie ...

  • den Anteil der überbauten Fläche,
  • das Eindringen von Siedlungsstrukturen in die Landschaft sowie
  • die Landnutzungsfläche pro Einwohner und Arbeitsplatz.

Da insbesondere in den östlichen Mitgliedsstaaten der EU große Transport- und Infra­strukturprojekte geplant sind, sollten überall verlässliche kartographische Daten zum Grad der Zersiedelung vorliegen. Da dies bis jetzt nicht der Fall war, haben die Euro­päische Umweltagentur (EEA) und das Bundesamt für Umwelt BAFU der Schweiz Prof. Felix Kienast beauftragt, eine grenzüberschreitende Karte der Zersiedlung in Europa anzufertigen und die Faktoren zu analysieren, welche die Siedlungsaktivitäten voran­treiben.

Zersiedlung von Entscheidungsträgern unterschätzt

Obwohl mit verschiedenen Maßnahmen versucht wurde, auf die negativen Auswirkun­gen der Zersiedelung hinzuweisen, hat diese in Europa in den letzten Dekaden schnell zugenommen. Im Hinblick auf eine nachhaltige Landnutzung ist die Zersiedelung eine bedeutende Herausforderung, wie das Internationale Jahr der Böden 2015 hervorhob - siehe u.a. Baulinks-Beitrag „Bodenatlas 2015 beleuchtet Bedeutung, Nutzung und Zu­stand von Land, Böden und Agrarflächen“ vom 11.1.2015.

Die Zersiedelung ist typisch für Entwicklungsprozesse, deren Auswirkungen kontinu­ierlich zunehmen. Da sich aber die Landschaft unter dem Siedlungsdruck über lange Zeit nur schleichend verändert, wird diese Entwicklung vielfach nicht als dramatisch wahrgenommen. Aus diesem Grund unterschätzen Entscheidungsträger und Politiker oft die Folgen der Zersiedelung für ländliche Regionen.

zunehmenden Lebensqualität fördert Zersiedlung

Die Zersplitterung der Landschaft ist gleichwohl nicht ausschließlich ein Ergebnis des Bevölkerungswachstums, sie hängt auch direkt mit der zunehmenden Lebensqualität des Menschen zusammen. So treibt insbesondere die hohe Nachfrage nach mehr Wohnraum die Entwicklung voran. Der zunehmende Landschaftsverbrauch wirkt sich dann in verschiedener Weise auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft aus. Er hängt u.a. mit den Sehnsüchten des Menschen zusammen, beispielsweise dem Wunsch nach einem Leben in einem Einfamilienhaus mit Garten. Die Zersiedelung ist mit ein Grund für ...

  • die Abnahme der landwirtschaftlichen Nutzfläche,
  • den zunehmenden Anteil versiegelter Böden und
  • den Verlust wichtiger ökologischer Funktionen der Böden.

Heimische Fauna benachteiligt – invasive Organismen profitieren

Durch den Flächenverbrauch wird die Landschaft mehr und mehr zerschnitten, und damit werden auch die Lebensräume einheimischer Tierarten kleiner. Vielfach profitie­ren davon invasive Organismen wie der Japanknöterich (Fallopia japonica) oder der Götterbaum (Ailanthus altissima), die sich schnell in den Randbereichen frisch zer­schnittener Landschaftsräume oder entlang neuer Verkehrswege verbreiten. Voran­schreitende Zersiedlung erhöht im der Regel auch die Menge ausgestoßener Treib­hausgase wie CO₂. In letzter Konssequenz steigen schließlich die Infrastrukturkosten für Transporte, Wasser und Strom; gleichzeitig werden offene Landschaften seltener und verschiedene Leistungen, die Ökosysteme erbringen, nehmen ab.

Die Ergebnisse des vorliegenden Berichts zeigen, dass es höchste Zeit ist, zu handeln. Der aktuelle Grad der Zersiedelung ist in vielen europäischen Ländern besorgniserre­gend und dürfte weiter zunehmen, wenn die städtischen Entwicklung sich wie erwar­tet fortsetzt. Die in diesem Bericht angewendeten Methoden ließen sich für weitere Analysen der Zersiedelung in der Stadt- und Regionalplanung sowie für die Beurteilung erfolgter Maßnahmen gegen einen zunehmenden Landschaftsverbrauch verwenden.

Der vorliegende Bericht liefert nicht nur einen aktuellen Überblick zur Zersiedelung in Europa. Er zeigt auch einen praktikablen Lösungsansatz, mit dem sich die Zersiedelung dezidiert beobachten und die treibenden Kräfte statistisch analysieren lassen. Darü­ber hinaus verbessert die Studie die Qualität der verfügbaren Daten zum überbauten Raum, was europaweite genauere Beurteilungen als früher ermöglicht - sagen die For­scher.

siehe auch für zusätzliche Informationen: