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Studie: Millionen Deutsche leben mit überalterten Elektroinstallationen

(15.12.2015) Während in deutschen Haushalten immer mehr moderne Elektrogräte Ein­zug halten, steckt die Elektroinstallation noch millionenfach auf Nachkriegszeit-Level fest. „Um Brandgefahren vorzubeugen und sich fit für die Energiewende zu machen, müssten in Deutschland Millionen Gebäude elektrotechnisch saniert werden“, erklärt Johannes Hauck, Leiter des Lenkungskreises „Elektro-Modernisierung“ beim Zentralver­band Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) und tätig bei der Hager Group. „Lei­der ist aber kaum jemandem bewusst, wie hoffnungslos überaltert die Elektroinstalla­tion vieler deutscher Immobilien ist.“

die schlimmsten Erwartungen übertroffen

Wie untauglich der Status der Elektroinstallation in Millionen Gebäuden ist, belegt ei­ne aktuelle Gemeinschaftsstudie der Fachhochschule Südwestfalen und der Leuphana-Universität Lüneburg. Im Auftrag des ZVEI hatten die Forscher den Zustand elektri­scher Anlagen in Eigentums- und Mietimmobilien abgefragt - mit deprimierenden Er­gebnissen: Ein Großteil der untersuchten Neu- wie auch Altbauten erfüllt demnach die heute gültigen Ausstattungsstandards nicht. So ist fast die Hälfte der in den 1960er Jahren errichteten Gebäude nie elektrotechnisch ertüchtigt worden. Das bedeutet: Ihre Nutzer und Bewohner leben noch mit Elektroinstallationen, die zu Zeiten der Re­gierung Ludwig Erhards installiert worden sind. Die ZVEI-Bestandserhebung, meint Hager-Experte Hauck, „hat unsere schlimmsten Erwartungen noch übertroffen.“

Die wichtigsten Studienergebnisse:

  • 29 Mio. Gebäudeeinheiten in Deutschland sind älter als 35 Jahre, 11 Mio. Immo­bilien sogar mehr als sechs Jahrzehnte alt.
  • In über 70% der Gebäude befinden sich Elektroleitungen, die älter als 35 Jahre sind.
  • Allerdings lässt das Alter des Gebäudes keinen Rückschluss auf den Zustand seiner Elektroinstallation zu. Ältere Gebäude (Baujahr bis 1950) sind zu einem viel geringeren Teil NICHT saniert als Immobilien aus den Wirtschaftswunder­jahren:

  • Am durchschnittlich schlechtesten sind Gebäude der Baujahre 1950 - 1979 aus­gestattet. Hier herrscht in puncto Ausstattung mit Steckdosen und Lichtschal­tern, Zählerplatz-Systemen und Sicherungsinstallationen der größte Nachholbe­darf.
  • Eigenheime sind tendenziell besser ausgestattet als Mietimmobilien.
  • Selbst wenn saniert wird, bleibt es häufig bei einer optischen Auffrischung. In den meisten Fällen werden nur Schalter- und Steckdosen getauscht. Wichtige Schutzschaltgeräte, Verteiler, Elektroleitungen und Klemmen hingegen bleiben unangetastet. Dabei verwandeln sich speziell Leitungsverbindungen im Laufe der Zeit in potentielle Gefahrenquellen.
  • Elektroinstallationen wurden immer für die Verbraucher und elektrischen Lasten ihrer Zeit vorgesehen - nicht aber für die Vielzahl leistungsstarker Elektrogeräte, die heute im Einsatz sind.
  • In mehr als der Hälfte der untersuchten Haushalte wurden die Elektroleitungen noch nie ausgetauscht.

Tickende Zeitbomben in Wänden und Kellern

„Dem Laien ist kaum bewusst, welchen Belastungen sein hausinternes Stromnetz durch den Einsatz der neuen hochmodernen Elektrogeräte ausgesetzt ist“, konstatie­ren die Autoren der Studie. „Etwas provokant ausgedrückt, könnte man die Elektroin­stallation in Gebäuden auch als das ,Vergessene System‘ in der Stromversorgungs­kette bezeichnen.“

Wie schnell eine Belastung zur gefährlichen Überlastung werden kann, zeigt die Ana­lyse von Brandursachen. Nach Zahlen der Versicherungswirtschaft ist mittlerwei­le ein Drittel aller Brände auf Fehler in der Elektrik zurückzuführen. Unter den vorbeugbaren Brandursachen rangiert die Elektrizität mit 52% sogar unangefochten auf Rang 1. Mit einer Sanierung der Elektroinstallation lässt sich somit das Brandrisiko spürbar senken.

Das gilt einmal mehr, als die Elektroinstallation in Zukunft immer mehr leisten können muss. Wenn aus einst reinen Stromkunden Prosumer werden, die Strom effizient kon­sumieren, ihn gleichzeitig mit PV-Anlagen produzieren und in E-Mobile einspeisen, muss Elektroinstallation weit mehr leisten als heute. Darauf aber sind die Leitungen und An­lagen von Millionen Gebäuden schlichtweg nicht ausgelegt.

„Das Energiesystem der Zukunft wird mit den Elektroinstallationen von Vorvorgestern nicht funktionieren“, kritisiert Johannes Hauck. Traditionelle Anlagen könnten weder Messwerte erfassen noch den Verbrauch regeln und steuern. „Was derzeit passiert, ist etwa so, als würde man einen Hochgeschwindigkeitszug auf einem alten Nahver­kehrsschienennetz betreiben wollen: Auf einer solchen Grundlage wird jede Entwick­lung gebremst.“

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