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15. Wienerberger Mauerwerkstage 2004: Auswirkungen der neuen europäischen Normen auf Mauerwerkskonstruktionen

(5.4.2004) Volle Säle von Hamburg bis nach München. Mehr als 3000 Teilnehmer wurden bei den 15. Wienerberger Mauerwerkstagen gezählt, die in den vergangenen Wochen an acht Veranstaltungsorten durchgeführt wurde. "Die hohe Resonanz zeigt, dass wir die richtige Themen- und Referentenauswahl getroffen haben. In diesem Jahr steht nicht mehr allein die EnEV im Mittelpunkt, sondern verschiedene aktuelle Forschungsergebnisse und daraus resultierende baupraktische Lösungen für Mauerwerkskonstruktionen", so Dipl.-Ing. Clemens Kuhlemann, Produktmanager der Wienerberger Ziegelindustrie.

Poroton, Mauerwerks-Ziegel, Mauerwerkskonstruktionen, Wienerberger Ziegelindustrie, Schallschutz, Wärmebrücken, Baurecht, Mauerwerk, Ziegelmauerwerk, Planziegel, Dünnbettmörtel, VD-System, Schallschutz, Schalldämmung, Schallschutznachweis, Ziegel-Innenwand-System

Fünf Referenten berichteten über neue Entwicklungen bei den Normen für Schallschutz und Statik, über Detailausführungen in der Praxis, Wärmebrücken und Baurecht, und stellten Anwendungsbeispiele vor. Begleitet wurde die Tagung von einer in diesem Jahr erneut erweiterten Fachausstellung, die über neue Produkte und Angebote von Herstellern und Fachbuch-Verlagen informierte.

Mauerwerksverhalten in der Praxis besser als bisher berechnet

Mit dem Thema "Statiklösungen für Mauerwerkskonstruktionen in der Praxis" eröffnete Uni. Prof. Dr.-Ing. Konrad Zilch vom Lehrstuhl für Massivbau an der Technischen Universität München die Reihe der Fachvorträge. Ein inhaltlicher Schwerpunkt war der neue Normenentwurf DIN 1055-4 (2002-04) ein, der die bisherige Windlastnorm DIN 1055-4 (1986-08) ablösen soll. Während die momentan geltende Regelung keine Zoneneinteilung kennt, ist künftig eine Einteilung in fünf Windlastzonen mit teilweise deutlichen Lasterhöhungen vorgesehen. Jedoch wird dies nur in Einzelfällen zu Auswirkungen führen, zum Beispiel bei der Gebäudeaussteifung oder bei Ausfachungen aus nichttragendem Mauerwerk. Insgesamt stellen Windschäden in Deutschland kein Problem dar, denn "dass massive Gebäude umgeblasen werden, kommt erfahrungsgemäß nicht vor."

Änderungen sind auch im Zuge der Überarbeitung der Erdbebennorm zu erwarten, hier ergeben sich deutliche Erhöhungen der horizontalen Lastannahmen. "In diesem Zusammenhang gibt es in Deutschland gute Erfahrungen mit Mauerwerksbauten", so Zilch. Ihm seien keine ernsthaften Schäden an fachgerecht konstruierten Gebäuden bekannt. Weil Mauerwerk hinsichtlich seines Widerstands jedoch schwierig zu beschreiben sei, wurden an seinem Lehrstuhl umfangreiche Forschungsarbeiten zum Verhalten von Mauerwerk bei Erdbeben durchgeführt. Das Ergebnis: "Ziegelmauerwerk besitzt vielfach ein deutlich besseres Verhalten als momentan rechnerisch angesetzt." Anschließend gab er Konstruktionsempfehlungen, zum Beispiel zur Grundrissgestaltung. So können allein durch das Heranziehen nichttragender Wände für die Schubbeanspruchung deutlich höhere Horizontallasten aufgenommen werden.

Zilch ging außerdem auf die neue Mauerwerksnorm DIN 1053-100 ein, deren Einführung bis Ende 2004 geplant sei. Die Bemessung nach der neuen Norm kann u. a. eine Lösung für kritische Bereiche bei Druckbeanspruchung bringen. Höhere Mauerwerksdruckfestigkeiten lassen sich aber auch durch den Einsatz von Planziegeln und Dünnbettmörtel erreichen, verarbeitet mit dem VD-System (steht für: vollflächig deckelnde Dünnbettmörtelschicht) von Wienerberger.

Gravierende Änderungen für die Schallschutzpraxis

Laut einer Umfrage bei Bauherren würden 87 Prozent nicht beim Schallschutz sparen (Quelle: IZB). Der Wunsch nach Ruhe im eigenen Wohnbereich hat für die Bewohner einen ausgesprochen hohen Stellenwert. Doch nicht immer scheint Planern und Ausführenden dies in notwendigem Maße bewusst zu sein, so Prof. Dr.-Ing. Heinz-Martin Fischer von der Hochschule für Technik, Stuttgart, zum Thema "Schallschutz mit Ziegeln".

Anhand der DIN 4109 erläuterte er wesentliche Planungsregeln und baupraktische Lösungen. Beim Schallschutz innerhalb von Gebäuden muss beachtet werden, dass die Schallübertragung nicht nur über das trennende Bauteil erfolgt, sondern auch über die flankierenden Bauteile. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Planung: "Die Gesamt-Schalldämmung setzt sich aus den Anteilen aller Übertragungswege zusammen. Die flankierende Übertragung begrenzt die erreichbare Schalldämmung." Die Anforderungen der DIN 4109 richten sich nicht allein an das trennende Bauteil, sondern an die Gesamtübertragung aller beteiligten Bauteile. Künftig wird durch das neue europäische Rechenmodell nach DIN EN 12354-1 der flankierenden Übertragung noch mehr Beachtung beigemessen. Weitere Änderungen, zum Beispiel bei der messtechnischen Ermittlung von Bauteilkennwerten, führten dazu, dass die derzeitige DIN 4109 fast komplett überarbeitet wird. Dies hat auch Auswirkungen für den künftigen Schallschutznachweis. Gezielt wird dann die flankierende Übertragung in die Berechnung aufgenommen, so dass die Eigenschaften der Flankenwege bekannt sein müssen. Für die Praxis empfahl er den Einsatz von Entkopplungsprofilen, wie sie jetzt zum Beispiel mit dem neuen, patentierten Ziegel-Innenwand-System (ZIS) von Wienerberger geboten werden (siehe Meldung vom 16.3.2004).

Fischer betonte: "Der Schallschutz ist eindeutig zur Aufgabe für die Planung geworden. Im Sinne einer 'ganzheitlichen' akustischen Betrachtung wird nun nicht mehr das trennende Bauteil in den Vordergrund gestellt sondern das gesamte Übertragungssystem gesehen." Anschließend stellte er praktikable Lösungen für konkrete Anwendungsfälle unter den Bedingungen der Ziegelbauweise vor.

Kostengünstig bauen

Die Wirtschaftlichkeit von zeitgemäßen Mauerwerkskonstruktionen lässt sich mit keiner anderen Bauweise erreichen, so das Credo von Dipl.-Ing. Architekt Dieter Selk, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft zeitgemäßes Bauen e. V., Kiel. Er stellte vielfältige Maßnahmen zum kostengünstigen Bauen vor - angefangen bei der optimierten Planung bis zur schadensarmen Ausführung. Anhand eines Beispiels zeigte Selk, wie allein durch Ausschöpfung aller Rationalisierungsmaßnahmen in der Planungsphase Kosteneinsparungen von bis zu 50 Euro/m² erreichbar sind. Weitere Möglichkeiten für wirtschaftliches und zugleich schadensarmes Bauen bietet der Einsatz von Fertigteilen und/oder kompletten Bausystemen für den Rohbau, wie das umfassende Poroton Planziegelsystem.

Praxisgerechte Nachweise von Wärmebrücken

Nach zwei Jahren Erfahrung mit der Anwendung der Energieeinsparverordnung (EnEV) haben sich zur Ermittlung des Jahres-Primärenergiebedarfs aus einer Vielzahl von Optionen einige Standardverfahren heraus kristallisiert, die in einem ausgewogenen Verhältnis von Aufwand und Nutzen stehen. Die EnEV berücksichtigt erstmals den Einfluss von Wärmebrücken bei der Berechnung von Wärmeverlusten und bietet dafür verschiedene Verfahren an, die Prof. Dr.-Ing. Heinrich Metzemacher, Fachhochschule Köln, in seinem Vortrag erläuterte. Denn insbesondere die Wärmebrücken enthalten bei genauer Planung und entsprechender Ausführung ein hohes Potential zur Kosteneinsparung. So gibt es für die Planung und Ausführung von Wärmebrücken einfache und intelligente Verfahren. Die einfachen Lösungen sind zwar tauglich, jedoch gegenüber den intelligenten Lösungen ungünstiger und kostenträchtiger und werden zudem bei der Berechnung mit einem Malus, d. h. mit einem Sicherheitszuschlag versehen.

Metzemacher empfahl die genaue Planung und Berechnung von Wärmebrücken, denn es sei unsinnig, einerseits die U-Werte der Bauteile mit großem Aufwand zu optimieren und andererseits den damit erzielten Gewinn wieder mit der pauschalen Berechnung der Wärmebrückenverluste zu verschenken. Ein wichtiger Aspekt bei der genauen Berechnung sind die Wärmebrückendetails. Sie können dem jetzt aktualisierten Beiblatt 2 zur DIN 4108 entnommen werden. Sehr hilfreich sind die von der Ziegelindustrie entwickelten und optimierten Wärmebrückendetails, enthalten beispielsweise im Wärmebrückenkatalog auf der Planungs-CD "Der digitale Bauberater (Info-Rom)" von Wienerberger. Diese Konstruktionen besitzen den Vorteil, dass sie mit den zur Verfügung stehenden Bauprodukten herzustellen sind und sich seit Jahren in der Praxis bewährt haben.

Bauvertragsrecht

Sicherungsvereinbarungen in Bauverträgen lautete das Thema von Prof. Dr.-Ing. Reinhold Thode, Richter am Bundesgerichtshof Karlsruhe und Dozent an der Uni Konstanz. Anschaulich und praxisgerecht erläuterte er die Rechtsverhältnisse der Vertragsbeteiligten und ging insbesondere auf notwendige Inhalte von Sicherungsvereinbarungen ein. Er kritisierte die Missbrauchsmöglichkeiten der Bürgschaft auf erstes Anfordern als weit verbreitetem Sicherungsmittel und wies auf neue Entscheidungen des BGH hin, die erhebliche Bedeutung für künftige aber auch für noch nicht abgewickelte Verträge besitzen.

Alle Fachbeiträge der diesjährigen Mauerwerkstage stehen online zum Download bereit unter: www.wienerberger.de.

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