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Deutscher Wohnungsbau wird Europa-Schlusslicht

  • 2002 erneut weniger Fertigstellungen in der Bundesrepublik
  • Insgesamt ein Minus von 11,3 Prozent zum Vorjahr
  • Irland, Spanien und Portugal sind wieder die europäischen Spitzenreiter

(16.5.2003) Das Etikett vom "Schlusslicht in Europa" haftet der Bundesrepublik nicht nur wegen schlechter Wachstums- und Beschäftigungszahlen an. Auch bei der Wohnungsbautätigkeit ist Deutschland jetzt auf die letzten Ränge zurückgefallen, wie LBS-Research auf der Grundlage aktueller statistischer Daten mitteilt. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland, 1996 noch "Vize-Europameister", mit 3,1 neuen Wohnungen je 1.000 Einwohner für 2002 inzwischen weit abgeschlagen. 253.696 fertiggestellte Wohneinheiten in neuen Wohngebäuden bedeuten ein Minus von 11,3 Prozent zum Vorjahr. Ganz anders die aktuellen europäischen Spitzenreiter Irland, Spanien und Portugal: Mit 14,3, 10 bzw. 9,6 Wohnungen je 1.000 Einwohner ist die Wohnungsbauintensität dort drei- bis viermal so hoch wie hierzulande:

Wohnungsbau, Wohnungsbautätigkeit, Wohneinheiten, Wohngebäude

Deutschland bleibt nur ein schwacher Trost: Nach Einschätzung von Immobilienmarkt-Experten befindet sich der Wohnungsbau in Europa insgesamt in einer klaren Abwärtsbewegung, allerdings meist auf einem wesentlich höheren Niveau. Sogar die iberischen Länder Spanien und Portugal beispielsweise, die seit einigen Jahren nach Irland Platz zwei und drei in der Spitzengruppe einnehmen, verzeichnen aktuell Minusraten im zweistelligen Prozentbereich.

Nicht in allen europäischen Ländern ist die Situation vergleichbar. Das beste Ausnahmebeispiel ist Irland. Seit Jahren behauptet die grüne Insel schon ihren Platz an der Spitze: Sie hat nicht nur mit 14,3 fertiggestellten Wohnungen je 1.000 Einwohner die höchste Pro-Kopfzahl, der Neubau weist sogar eine neuerliche Zuwachsrate von 4,4 Prozent gegenüber 2001 auf. Die wirtschaftlichen Boomjahre wirken sich noch immer auf den Wohnungsmarkt aus, und mit der Bautätigkeit trägt das Land auch der höchsten Geburtenrate in Westeuropa Rechnung. Irland widerlegt schließlich diejenigen, die den Erwerb von Wohneigentum mit dem Argument steigender beruflicher Mobilität schlechtreden wollen. Häufige Arbeitsplatzwechsel sind dort nämlich gang und gäbe.

Andererseits zeigt der Blick über die Grenzen auch, dass manche Töne in der nationalen Wohnungspolitik-Debatte in die Irre führen. Hohes Versorgungsniveau, älter werdende Bevölkerung, niedrige Geburtenraten und rückläufige Zuwanderung – all das gibt es im Prinzip auch anderswo, ohne dass das Neubau-Niveau darunter so stark leidet wie in Deutschland. Der gravierendste Unterschied ist der Rückstand beim Wachstum und der Beschäftigung, ein Faktor, der auf Dauer nicht als natürlich hingenommen werden kann und darf.

Die Immobilien-Experten der LBS warnen daher auch vor den folgenschweren Auswirkungen eines anhaltenden Negativ-Trends im deutschen Wohnungsbau. Nach den meisten Schätzungen liegt der tatsächliche Neubaubedarf in diesem Jahrzehnt immer noch in einer Größenordnung von jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen. Denn die Zahl der Haushalte steigt durch Zuwanderung nach Deutschland sowie zunehmend mehr Single-Haushalte mindestens bis 2015 weiter an. Schon jetzt sollten die Zahlen aufhorchen lassen: Allein in den letzten beiden Jahren wurden 660.000 zusätzliche neue Haushalte in der Bundesrepublik gegründet. Zeitgleich verschwinden durch Rückbau, Zusammenlegung oder Umwidmung jedes Jahr rund 100.000 Wohnungen vom Markt.

Die anderen Länder machen auch vor, woher zur Zeit die Impulse für den Wohnungsbau kommen müssen: von den Selbstnutzern, die – mit Ausnahme der Schweiz – überall einen überragenden Beitrag zur Verbesserung der Wohnungsversorgung leisten. Umso wichtiger sind gerade jetzt in Deutschland stabile Förderbedingungen für die Schaffung von mehr Wohneigentum.

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