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Wenn Kabel kokeln ...

(14.5.2003) Beinahe alle zwei Minuten heißt es irgendwo in Deutschland: Schnell raus, Feueralarm! Doch manchmal können auch die Löschprofis der Feuerwehr nicht mehr viel ausrichten: 60.000 Menschen wurden im Jahr 2001 durch Brände verletzt, rund 600 konnte nicht mehr geholfen werden.

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Schuld am Brand ist nicht selten die Hauselektrik: der defekte Toaster - oder unsichere Leitungen. Denn Kabel und elektrische Leitungen schwelen unter Umständen lange vor sich hin, ehe sie überhaupt entdeckt werden. Und dann ist es häufig zu spät. Denn wenn Kabel kokeln, geht es oft erst richtig zur Sache. "Jeder zehnte Brand hat seine Ursache in der Elektrizität. Diese zehn Prozent sind aber für etwa 17 bis 18 Prozent der Schadensummen verantwortlich", betont Hartmut Birke, Elektrospezialist des Büros für Schadensverhütung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV).

Gründe, warum Elektroleitungen plötzlich Rauchzeichen abgeben, gibt es viele. "Ein einfacher Defekt kann genügen. Aber auch, wenn zu viele Kabel auf zu engem Raum verlegt sind, kann es schon zu brandgefährlichen Überhitzungen kommen", weiß der Chemiker Dr. Hermann Meisenheimer, der bei Bayer Polymers, einem der größten Kunststoff-Hersteller der Welt, an sichereren Alternativen zu herkömmlichen Elektrokabeln forscht. Denn: Das PVC in den Ummantelungen einfacher Elektroleitungen zersetzt sich schon bei Temperaturen, bei denen noch nicht einmal Flammen zu sehen sind. Dabei entsteht ätzendes Salzsäure-Gas, das die Lunge angreift. Später, wenn dieses Material richtig brennt, versperrt dichter schwarzer Rauch die Sicht auf Fluchtwege. Und wenn die Feuerwehr abzieht, bleibt nicht selten ein Dioxinproblem zurück.

"Wo es um Menschenleben geht, sollte man also besser auf unbedenklichere Alternativen zurückgreifen", sagt Dr. Meisenheimer. Auch Elektrospezialist Hartmut Birke weist darauf hin, dass eine von mehreren Möglichkeiten, der Gefahr zu begegnen, "in bestimmten Bereichen im Einsatz von Kabeln und Leitungen mit verbessertem Verhalten im Brandfall liegt". Also solchen, die im Falle des Falles nicht rauchen und keine ätzenden Gase abgeben. Diese Anforderungen werden zum Beispiel von halogenfreien Kabeln erfüllt.

Denn PVC-Alternativen gibt es auf dem Markt genug. Zum Beispiel Kabel, deren Ummantelungen auf einem halogenfreien Spezialpolymer namens Levapren basieren, das Meisenheimers Arbeitgeber Bayer Polymers entwickelt hat. Daraus hergestellte elastische Hightech-Gummis fangen nur sehr schwer Feuer, verlöschen nach Abzug der Zündquelle von selbst und können Brände nicht weiterleiten. Und - sie schwitzen im Brandfall keine Säure aus und qualmen kaum. In Zügen, Kraftwerken und Gebäuden, in denen Menschen wie auch unersetzliche Sachwerte vor ätzenden Säuregasen bewahrt werden müssen, konnten Kabel aus Meisenheimers Spezialgummi daher schon das Schlimmste verhüten.

"Das sollte auch für die eigenen vier Wände recht und billig sein", meint der Chemiker, "denn mit schwer brennbaren Kabeln packt man das Übel eben direkt an der Wurzel." Und wer ganz auf Nummer sicher gehen möchte, dem empfiehlt Brandschutzexperte Birke obendrein "den Einsatz von Fehlerstrom-Schutzschaltern für die komplette Hauselektrik" - oder Rauchmelder: Die retten Leben, da sie mit einem lauten akustischen Signal vor den gefährlichen Rauchgasen warnen.

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