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Bericht vom buildingSMART Forum 2014: Digitale Bauwirtschaft als Zukunftsmotor

(24.11.2014) Die Digitalisierung der Daten verändert Prozesse, Rollenverständnisse, Kommunikation und Partnerschaften beim Planen, Bauen und Bewirtschaften von Bau­werken. Darüber diskutierten die 320 Teilnehmer des 18. buildingSMART Forums am 13. November 2014 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Und nicht nur die Referen­ten sind sich sicher: Die Branche muss sich auf einen Kulturwechsel einstellen! Das Konzept dafür steht: die Gründung der Bauen Digital GmbH, in der sich Meinungsbild­ner (Verbände) und möglicherweise auch Unternehmen zusammenschließen, um die Zukunft der Bauwirtschaft in Deutschland aktiv und zeitnah mitzugestalten. Denn: Abwarten kostet Zukunft.


alle Fotos: Lichtschwärmer

„Wir können nicht mehr so linear unterwegs sein wie bisher.“ Christian Brensing, der Geschäftsführer von CBE, der das 18. buildingSMART Forum in Berlin moderierte, rück­te den interdisziplinären Austausch von Daten und Wissen und den damit verbundenen Kulturwechsel gleich zu Beginn in den Mittelpunkt. Für Dirk Schaper, Geschäftsführer von Hochtief ViCon und Präsidiumssprecher des buildingSMART e.V. ist der ganzheit­liche Ansatz Tagesgeschäft, ViCon praktiziert BIM (Building Information Modeling) schon lange. „Gemeinsam!“ heißt sein Motto. Denn partnerschaftliche Zusammenar­beit und die „phantastische Informationstiefe“, die durch die BIM-Methode generiert wird, bieten der Bauwirtschaft „große Chancen, neue Geschäftsmodelle und Mehr­wert“, ausdrücklich auch für Planer und Architekten. Dirk Schaper appellierte an die öffentliche Hand in Deutschland, die deutliche Anreize schaffen müsse, um dem Markt zu signalisieren, wie wichtig die BIM Initiative ist und welche Potenziale sie bietet.

„Wir brauchen dringend eine Revolution am Bau,“ sagte Klaus Pöllath, der Vizeprä­sident Technik des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e.V. Er befürwortet die Gründung der Bauen Digital GmbH und kann sich BIM als einen Teil des Vergabe­prozesses im öffentlichen Bauen vorstellen, denn „der Staat als größter Auftraggeber könnte am meisten profitieren.“ Softfacts wie Offenheit, Transparenz und Kollabora­tion würden endlich durch praxistaugliche IT Werkzeuge unterstützt, die die Digitali­sierung vorantreiben und so den gesamten Bauprozess entscheidend verbessern. Pöl­lath lobte die laufende Initiative der Reformkommission, die sich zusammen mit Alexan­der Dobrinth, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, für einheitliche Standards einsetzt und BIM Pilotprojekte aktiv fördert.

„Wer sich jetzt nicht vorbereitet, wird in einem Jahr Probleme haben.“

Wie intensiv der BIM-Gedanke im europäischen Ausland und ganz speziell in England bereits in den Köpfen von Planern, Bauwirtschaft und Politik verankert und in Projek­ten umgesetzt ist, zeigte Volker Buscher, Director Consulting Practice und Leader of ICT Business bei Arup, London, auf. Die IT Abteilung, die er leitet, wird künftig nur noch „Digital“ heißen. „Wer sich jetzt nicht vorbereitet, wird in einem Jahr Probleme haben.“ Buscher ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung riesige Potenziale er­schließt, weil sie der Gesellschaft liefert, was diese braucht. Was wiederum radikale Veränderungen in der Planung nach sich zieht. Es geht aus seiner Sicht nicht mehr um die Digitalisierung von Einzelthemen, sondern um die Digitalisierung von allem. Bei­spielhaft nannte er die Smart City mit allen ihren Funktionen: von Politik über Umwelt bis Transport, Energie, Wasser oder Gesundheit. Während smarte Gebäude um 1998 noch auf technische Kommunikationsnetze reduziert waren, funktioniert Digitalisierung heute übergreifend und mit riesigen Datenmengen. Dafür braucht es neue Regeln bis hin zu sinnvollen Verknüpfungen. Parkplätze werden mit Sensoren ausgestattet, die den Verkehr steuern helfen.

  • Bei den Olympischen Spielen in London wurden die Sicherheitssysteme in das Bauprojekt integriert.
  • Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft in Doha werden Transport oder Kommu­nikation in die Planung eingebunden. Für Fallstudien werden über Nacht bis zu mehrere Millionen Datensätze in Echtzeit ausgewertet.
  • Am Flughafen in Heathrow ist das Gepäckhandling Bestandteil der Digitalisierung des Geschäftsprozesses.
  • Beim Projekt Digital Railway werden Bahnhöfe immer mehr Teil der Stadt und damit Teil des Real Estate Managements.

Buscher betonte aber auch: moderne Technologien alleine reichen nicht aus, um der­artige Projekte erfolgreich umzusetzen. Es braucht eine übergreifende strategische Planung, die gerade bei langjährigen Projekten auch auf Veränderungen eingeht, es braucht Software-Infrastrukturen. Und last but not least ganzheitliche Methoden wie BIM.

BIM für alle britischen öffentlichen Projekte ab 2016 verbindlich

 Adam Matthews, Mitglied der Steuerungsgruppe der UK BIM Task Group und Leiter der Abteilung EU & Internationale Beziehungen sprach über BIM als Weg auch im Pub­lic Sector Werte zu generieren. Er war an der Entwicklung der britischen BIM Strate­gie beteiligt und überwachte 2013 die Einführung von BIM in den Institutionen der bri­tischen Verwaltung. Die britische Regierung schreibt BIM für alle öffentlichen Projekte ab 2016 verbindlich vor. Matthews zeigte auf, wie sehr sich Großbritannien dabei nicht nur im eigenen Land, sondern auch auf EU-Ebene engagiert, um auf steigende Kosten und sinkende Budgets zu reagieren. Mit 85 Prozent sei ein Großteil der Herausforde­rungen überall ähnlich. Das EU BIM Netzwerk, in dem auch Deutschland vertreten ist, untersucht in den kommenden Jahren Best Practice Anwendungen im öffentlichen Be­reich.


Siggi Wernik, Vorsitzender des buildingSMART e.V. (Bild vergrößern)

Auch für Matthews geht es schon längst nicht mehr vordergründig nur um Technolo­gie, sondern um Strategie. Bei der Digitalisierung der Wertschöpfungskette BAU über­nimmt BIM die Rolle einer Querschnittsdisziplin. Siggi Wernik, Vorsitzender des buil­dingSMART e.V., setzt auf eine dynamische BIM-Anwendung. Er erwartet einen Kul­turwandel. Und sieht in Bezug auf BIM in Deutschland und auf Europa- beziehungs­weise internationaler Ebene noch einigen Nachholbedarf. Seit rund eineinhalb Jahren engagiert er sich in der BIM Task Group für Deutschland, um nicht nur die Planer und die Wirtschaft, sondern auch die Politik für das Thema zu sensibilisieren.„Wir brauchen das Mandat öffentlicher Auftraggeber!“ So kamen auf vielen Ebenen viele Steine ins Rollen. Jetzt steht die Gründung der Digital Bauen GmbH, einer Gesellschaft zur Digita­lisierung des Planens, Bauens und Betreibens bevor, in der sich die Branchenverbände und Kammern der Wertschöpfungskette Bau engagieren wollen, um BIM in Deutschland weiter voranzubringen.

Krankenhausneubau mit BIM, um Kosten um 15% zu reduzieren

Es geht auch anders: Für den Neubau seines Spitals mit 265 Betten „aus eigener Kraft“ in einem eng gesteckten zeitlichen und finanziellen Rahmen suchte Jean-Luc Perrin, Mitglied des Direktionsstab des Felix Plattner Spitals Basel, „Pioniere fürs Tun“. Das Projekt startete vor zwei Jahren, von Anfang an ist im Vertrag verankert, dass der Sieger ein CAFM Tool nutzt, um später die Daten für das Facility Management mit zu übergeben. Die Entscheidung am Ende eines zweistufigen Wettbewerbs fällt Ende November 2014. Die Eröffnung des neuen Spitals ist für den 21. Juni 2018 geplant. Die Ausschreibung schreibt BIM vor, damit sollen die Realisierungskosten um bis zu 15 Prozent reduziert werden. Jean- Luc Perrin und sein Team haben sich im Vorfeld in­tensiv mit dem Projekt und ihren Wünschen auseinander gesetzt, um ganz konkrete Anforderungen klar zu definieren.

Ein klares „Ja zu Bauen Digital!“ kam auch von Dr.-Ing. Volker Cornelius, Präsident des Verbandes Beratender Ingenieure e.V. „BIM steht für den Paradigmenwechsel am Bau, eine neue Baukultur, besser Planung und Kommunikation.“ In seinem Grußwort würdigte er das Engagement des buildingSMART bei der gemeinsamen Initiative der Verbände der Wertschöpfungskette Bau und Partner aus der Zulieferindustrie. Er ver­wies darauf, wie wichtig Standards, offene Schnittstellen, Aus- und Weiterbildung und die breite BIM Anwendung gerade auch für die mittelständische Planungs- und Bauwirtschaft sind, um im Wettbewerb zu bestehen. Volker Cornelius erinnerte an die politische Unterstützung, die gebraucht werde, um jetzt den Rückstand zu Ländern wie UK oder Schweden aufzuholen. Und er rief zur aktiven Mitwirkung an der gemein­samen Plattform Bauen Digital GmbH auf. „Damit es eine Erfolgsstory wird.“

Als öffentlicher Auftraggeber hat Dr. Thomas Rühl, DB Station&Service AG, zwei Hü­te auf. Das Portfolio umfasst 5.400 Bahnhöfe, dazu Bahnsteige, die eine Lebensdauer von 80 Jahren haben. Die Ausbesserungen laufen kontinuierlich und teilautomatisiert - wie Kleinserien mit Musterbauteilen. Mit den Empfangsgebäuden, die komplett privat­wirtschaftlich laufen, agiert das Unternehmen direkt am Markt. Das erfordert andere Herangehensweisen und mehr Standardisierung. BIM und modellbasiertes Planen bis zum Facility Management kommen hier bereits seit 2011 zum Einsatz, derzeit gerade bei der Renovierung vom Bahnhof Hannover oder beim Abriss und Neubau des Emp­fangsgebäudes in München. Sein Fazit: Man kann die BIM Methode gut nutzen, wenn man sie von Anfang an integriert.

Der schwedische BIM Experte Michael Thydell ist BIM Strategist bei Sweco und Vor­standsmitglied von BIMobject. Er schätzt die neue Art des Planens mit unterschied­lich hohen Detaillierungsgraden als „Teil der Demokratie“. 3D Modelle fördern das ge­meinsame Verständnis in internationalen Planungsteams und reduzieren die Fehlerquo­te bei komplexen Projekten. Der Informationsfluss wird direkter und schneller, der Dia­log zwischen den Planungspartnern besser, der Planungsaufwand und die Kosten sin­ken bei manchen Projekten immens. Die Berufsbilder unterliegen einem ebenso raschen Wandel wie die Technik. Thydell sieht einen rasch steigenden Bedarf an BIM-Mana­gern und BIM-Koordinatoren.

„3D Modelle bringen die Leute zusammen“, sagte René Schumann ist Managing Direktor von ViCon Quatar bei Hochtief. Gerade in multikulturellen Teams bildet BIM - das vor Ort teils auf britischen, teils auf US-amerikanischen Standards, teils auch auf eigenen Guidelines beruht - eine ideale Verständigungsbasis: Großprojekte, die über­wiegend von regierungsnahen Auftraggebern kommen, werden für alle Planungsbetei­ligten nachvollziehbar und transparent. Gefragt sind unterschiedliche 3D Detaillie­rungsgrade, für das spätere FM beispielsweise 3D Asset Modelle. Seit sechs Jahren baut er mit seinem Team das 3D Modell der Infrastruktur einer komplett neuen Stadt mit 200.000 Einwohnern auf. Dazu gehören ...

  • eines der Fußballstadien für die WM in 2022,
  • die erste Eisenbahn in Quatar oder
  • der längste Basisversorgungstunnel.

Jeder, der in Quatar baut, muss ein 3D-Modell einreichen. Am Ende soll sich die ge­samte Stadt auf einem einzigen Mobil Device abbilden lassen. Schumann betonte, wie wichtig es sei, dass es eine gemeinsame BIM-Sprache gibt und BIM-Manager, die die Strategie vorgeben und dafür sorgen, dass die Methode möglichst früh in die Planung einbezogen wird. In Bezug auf die Ausbildung und Qualifizierung sieht er noch einigen Handlungsbedarf. Kulturwandel ist Wirtschaftsalltag, heute mehr denn je.

In ihrem Vortrag über Culture (Change) Management bezeichnet Dr. Katharina Luh von Ernst & Young diesen Wandel als virulentes Thema und roten Faden durch das 18. buildingSMART Forum. Jede Branche ist aktuell mehr oder weniger betroffen. Und immer wieder stehen - neben der Technik - „softe“ Themen wie Strategie, Struktur, Orientierung, Kommunikation und Wertschätzung der Basis im Mittelpunkt.

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